|
|
Von "Sissy" zu "Menschen für Menschen"
Mit den "Sissy"-Filmen kam er zu Weltruhm und später entschied er sich für die Entwicklungshilfe und lebt seit fast 30 Jahren für sein Projekt "Menschen für Menschen". Hier unser großes Porträt über Karlheinz Böhm mit einem interessanten Interview von Isabel Tiefenthaler:
Lesen Sie auch unseren Lebenslauf von Karlheinz Böhm
Das Interview mit Karlheinz Böhm
Almaz & Karlheinz Böhm beim Interview.
(Foto: Markus Waibel)
Pünktlich auf die Minute komme ich beim unscheinbaren Haus der Stiftung „Menschen für Menschen„ in Grödig, etwas außerhalb von Salzburg, an. Das Büro befindet sich kurioserweise nicht in der Karlheinz-Böhm-Straße sondern daneben. Hier treffe ich auf den weisen 76-Jährigen, der mit warmer, angenehmer Stimme aus seinem Leben erzählt. Es ist der Mann, der durch die Sissy-Filme berühmt wurde und mit seinem Wirken für die Notleidenden in Äthiopien seit mehr als 20 Jahren Gutes tut.
Ich lerne auch seine Frau Almaz kennen, die erst vor kurzem im Buch „Finde dein Glück„ (Ecowin Verlag) ihre Gedanken über Themen wie Liebe, Hoffnung oder Dankbarkeit niedergeschrieben hat. Sie setzt sich vehement für die Unterstützung von Frauen ein. Mit Erfolg: Durch ihr Engagement konnte die barbarische Tradition der Beschneidung von Mädchen in dem Land eingedämmt werden.
Gründung. Die Idee, etwas für die Ärmsten zu tun, hatte Karlheinz Böhm, als er bei einem Afrika-Aufenthalt mit eigenen Augen die Armut der Bevölkerung sah. Durch seinen Spendenaufruf in der Sendung „Wetten, dass ..?„ kam 1981 das Ganze ins Rollen.
Isabel Tiefenthaler: Sie waren als Schauspieler extrem erfolgreich und haben sich dann für einen anderen Weg entschieden. Warum?
Karlheinz Böhm: Ein Grund ist, dass ich Mitte der Siebziger Jahre an den Kammerspielen in München engagiert war und ich eine sehr schwere Bronchitis bekam. Der Theaterarzt schickte mich nach Kenia, um mich dort in einem Hotel in Mombasa auszukurieren. Dort gab es einen sehr netten Kellner, den ich fragte, ob ich sein Zuhause sehen könnte. Am nächsten Tag radelten wir dann zirka eine Dreiviertelstunde in den Urwald und waren plötzlich in einem afrikanischen Dorf. Ich konnte es nicht glauben, was ich dort sah. Eine solche Armut war für mich nicht nachvollziehbar: In der Hütte des Mannes stand auf einem umgekippten Korbtisch ein großer Blechteller mit einem riesigen Fischkopf und roter Soße. Ich wollte höflich sein, und fragte, ob das eine kenianische Spezialität sei. Da fing die ganze Familie zu lachen an und man erklärte mir, dass sie sich nur den Kopf als Essen leisten könnten und nicht den ganzen Fisch. Ich ging dann in diesem Dorf herum und das war eigentlich der Anstoß, dass ich begann, mich über den Kolonialismus und seine Auswirkungen sachkundig zu machen. Auch in den Schulen wird bis zum heutigen Tag nichts oder fast gar nichts darüber gelehrt.
Isabel Tiefenthaler: Wie hat dann die Aktion „Menschen für Menschen„ konkret begonnen?
Karlheinz Böhm: Ich spielte am Schauspielhaus in Düsseldorf den „König Lear„ von Shakespeare und da kam dann plötzlich das Angebot zu Frank Elstners „Wetten dass ...?„ zu gehen. Das wollte ich am Anfang ablehnen, weil ich gesagt habe: „Ich geh’ doch nicht in so eine billige Unterhaltungssendung„. Dann fiel mir aber ein: „Was ist, wenn ich die Menschen anspreche, die das sehen und die meine Sissy-Filme kennen? Vielleicht helfen sie mir dann ...„ Leider lehnte der ZDF-Intendant den von mir geplanten Spendenaufruf ab, weil die Saalwetten ja am selben Abend eingelöst werden mussten. Da hat dann aber Frank Elstner zu mir gesagt, er würde mich nach meiner normalen Saalwette vor die Kamera „schieben„ und ich könne reden, was ich wolle. Ich wettete dann, „dass nicht einmal jeder dritte Zuschauer eine Mark oder sieben Schilling gibt, um Hunger leidenden Menschen im Sahel zu helfen„. Ich verlor die Wette, denn in wenigen Tagen kamen mehr als zehn Millionen Schilling zusammen. Die Folge war schließlich die Gründung der Hilfsorganisation „Menschen für Menschen„ am 13. November 1981. Zwei Jahre später wurde der Verein in Österreich gegründet und seit 1989 gibt es die Stiftung auch in der Schweiz.
Isabel Tiefenthaler: Herr Böhm, Sie haben mit Ihrer Organisation viele Brunnen, Krankenhäuser oder Schulen errichtet. An welches Projekt erinnern Sie sich besonders?
Karlheinz Böhm: Ziemlich am Anfang, als wir begonnen haben, in Äthiopien zu arbeiten, bauten wir einen Brunnen mit Handpumpe. Bei der Eröffnung kam eine ältere Frau mit weißen Haaren zu mir und sagte: „Karl, weißt du eigentlich, was du hier für uns gemacht hast?„. Ich genierte mich ein wenig, weil so ein Brunnen eigentlich nichts Besonderes ist und nur 2.500 Euro kostet. Dann erzählte mir die Frau: „Als ich ein sieben- oder achtjähriges Mädchen war, bin ich mit einem leeren Kürbis jeden Morgen bei Tagesanbruch knapp 3 Stunden bei glühender Hitze zu einer Wasserstelle gelaufen. Die war völlig verdreckt, weil dort die Frauen ihre Wäsche gewaschen haben und die Rinder hinein machten. Ich trug dann 20-25 Liter den langen Weg nachhause und das war das einzige Wasser, das wir in unserer Hütte für den ganzen Tag hatten.„. Ich kann das nie vergessen, weil der neue Brunnen für sie wörtlich „das Paradies„ war, wie sie mir erklärte. Solche Aussagen sind Motivationen, die über alles Vorstellbare hinausgehen. Und deshalb werden wir demnächst die tausendste Wasserstelle bauen.
Interview: Isabel Tiefenthaler
Nach dem Schauspieler wurde eine Straße benannt.
(Bild: Markus Waibel)
Karlheinz Böhms Organisation können Sie durch eine Spende unterstützen. Mehr Infos im Internet auf www.mfm.at.
Lesen Sie auch unseren Lebenslauf von Karlheinz Böhm